Falko Treptau

Eine Rolle ersetzt keinen Kontext: Warum „Du bist ein Experte“ deine Prompts nicht besser macht

„Du bist ein erfahrener Experte“ steht in fast jedem Prompt. Eine Studie mit 162 Rollen zeigt, warum das kaum hilft und was stattdessen wirkt.

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Das Wichtigste in Kürze

  • Forscher haben 162 Rollen an 2.410 Fragen getestet. Ergebnis: Eine Rolle im Systemprompt macht die Antworten im Schnitt nicht besser.
  • Eine Rolle kann Ton und Fokus steuern. Wissen, das die KI über dich nicht hat, ersetzt sie nicht.
  • Was wirklich wirkt, ist Kontext: Ziel, Zielgruppe, Beispiele, Grenzen und wofür das Ergebnis gebraucht wird.
  • Der Test von Anthropic: Würde ein neuer Kollege ohne Vorwissen mit deinem Prompt klarkommen? Wenn nicht, kommt die KI es auch nicht.

„Du bist ein erfahrener Marketing Experte mit 20 Jahren Erfahrung.“ So beginnt gefühlt jeder zweite Prompt, den ich in Unternehmen sehe. Danach kommt eine Zeile Aufgabe. Und dann wundert man sich, dass die KI Mist liefert.

Das Problem ist nicht die Rolle. Das Problem ist alles, was danach fehlt.

Was die Forschung sagt#

Ein Forschungsteam um Mingqian Zheng und David Jurgens hat genau das getestet. 162 Rollen, von „Freund“ über „Anwalt“ bis „Experte für Physik“, an 2.410 Wissensfragen, mit vier verbreiteten Familien von Sprachmodellen. Jede Frage einmal mit Rolle, einmal ohne.

Das Ergebnis steht schon im Titel der Studie: Rollen im Systemprompt verbessern die Leistung nicht. Im Durchschnitt war es egal, ob da „Du bist ein Experte“ stand oder gar nichts. Die Arbeit ist 2024 bei einer der großen Konferenzen für Sprachverarbeitung erschienen.

Spannend ist ein zweiter Befund. Für einzelne Fragen gab es durchaus Rollen, die besser waren. Nur ließ sich vorher nicht vorhersagen, welche. Die automatische Auswahl war oft kaum besser als Zufall. Die Forscher fassen es so zusammen: Der Effekt von Rollen wirkt weitgehend zufällig.

Eine Rolle sagt der KI, wie sie klingen soll. Sie sagt ihr nicht, was sie wissen muss.

Warum sich der Mythos trotzdem hält#

Weil eine Rolle sich nach Arbeit anfühlt. Man hat etwas geschrieben, das professionell klingt. Und weil eine Rolle den Ton tatsächlich verändert. Anthropic schreibt selbst, dass eine Rolle im Systemprompt Verhalten und Ton auf deinen Anwendungsfall ausrichtet.

Ton ist aber nicht Inhalt. Eine KI, die sich wie ein Steuerberater anhört, kennt deshalb noch lange nicht deine Zahlen. Sie weiß nicht, wer deine Kunden sind, was du letzte Woche entschieden hast und welche Formulierungen bei dir tabu sind.

Was stattdessen wirkt: Kontext#

Anthropic beschreibt Claude in der eigenen Anleitung als brillanten, aber neuen Mitarbeiter, der deine Abläufe und Gepflogenheiten nicht kennt. Je genauer du erklärst, was du willst, desto besser das Ergebnis. Dazu gibt es einen simplen Test:

Ein guter Prompt beantwortet deshalb die Fragen, die ein neuer Mitarbeiter stellen würde:

  • Was ist das Ziel? Nicht „schreib einen Text“, sondern „Ich will, dass Bestandskunden den Termin für das Jahresgespräch buchen.“
  • Für wen ist das? Wer liest es, was weiß diese Person schon, was nervt sie?
  • Wofür wird es gebraucht? Ein Text für eine Mail wird anders als einer für eine Folie. Anthropic empfiehlt ausdrücklich, auch das Warum hinter einer Anweisung mitzugeben.
  • Wie sieht gut aus? Ein oder zwei Beispiele schlagen jede Beschreibung. Anthropic rät zu drei bis fünf.
  • Was willst du nicht? Wörter, Versprechen, Tonlagen, die bei dir nicht gehen.

Ein Beispiel aus der Praxis#

Vorher:

Du bist ein erfahrener Marketing Experte.
Schreib eine Mail an unsere Kunden zum neuen Angebot.

Nachher:

Wir sind eine Steuerkanzlei mit 12 Mitarbeitern in Leipzig.
Unsere Mandanten sind Handwerksbetriebe, meist über 50, wenig Zeit, skeptisch bei Neuem.
Ab Januar bieten wir eine monatliche Belegabholung per App an, 39 € im Monat.
Ziel der Mail: Die Mandanten sollen auf "Ich will das testen" antworten.
Ton: sachlich, per Sie, keine Werbesprache, kein "revolutionär".
Länge: höchstens 120 Wörter. Hier ist eine Mail von uns, die gut ankam: [Beispiel]

Im zweiten Prompt steht keine Rolle. Und das Ergebnis wird trotzdem um Längen besser, weil die KI jetzt weiß, worum es geht.

Der nächste Schritt: Kontext, der bleibt#

Wer denselben Kontext jeden Tag neu tippt, verschenkt Zeit. In meinen Systemen steckt dieses Wissen deshalb in einem festen Dokument: Positionierung, Zielgruppe, Tonalität, Zahlen, Wörter, die nie vorkommen dürfen. Jede Aufgabe baut darauf auf.

So entstehen übrigens auch die Skripte für meine Videos. Keine Rolle, kein Trick. Einfach ein Dokument mit allem, was mich ausmacht. Und genauso arbeiten die Systeme, die ich für Unternehmen baue, etwa The Frequency Dojo: Kontext steckt im System, nicht im Prompt.

Wer mit Claude selbst bauen will, sollte vorher prüfen, ob im Abo monatliches API Guthaben steckt.

Die Rolle darf gerne bleiben. Aber schreib sie zuletzt, nicht zuerst.

Häufige Fragen

Soll ich Rollen in Prompts komplett weglassen?

Nein. Eine Rolle schadet selten und kann Ton und Blickwinkel setzen. Sie ersetzt nur nicht die Informationen, die die KI über deinen Fall braucht. Schreib erst den Kontext, dann die Rolle.

Welcher Kontext gehört in einen guten Prompt?

Das Ziel, für wen das Ergebnis ist, wofür es gebraucht wird, ein oder zwei Beispiele, was du nicht willst, und das Format. Bei wiederkehrenden Aufgaben gehört das in ein festes Dokument, das die KI jedes Mal bekommt.

Gilt das für ChatGPT und Claude gleichermaßen?

Ja. Die Studie hat vier verbreitete Modellfamilien getestet, und das Prinzip ist dasselbe: Die KI kennt deinen Fall nur so gut, wie du ihn beschreibst.